Aufgabe A

Seit Kurzem habe ich das Glück, Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studieren zu dürfen. Der Zulassung ist ein ausgedehntes Bewerbungsverfahren vorgestellt, in der ersten Runde mussten drei kreative Fragen beantwortet werden.

Aufgabe A: 
„Über welches Ereignis in Ihrer Gegenwart sind sie erstaunt?“

Vielleicht interessiert dendie eine/n oder andere/n ja meine Antwort. Trommelwirbel!

Das Ereignis, das mich in meinem persönlichen Umfeld wohl am meisten verwundert und erstaunt hat, war die Entscheidung meines Vaters nach 25 Jahren in Deutschland die Zelte abzubrechen und in den Iran zurückzuziehen.

Mein Vater war ein Paradebeispiel für den „integrierten Ausländer“: abgeschlossenes Studium (Diplomingenieur), Deutschkenntnisse fließend in Schrift und Sprache, selbst eine leichte Religionsaversion inklusive einer Schwäche für Salami hätten meinen Vater seinerzeit zumindest eine Nominierung als  ‚Deutscher des Monats‘ einbringen können. Wie jeder gute Iraner schimpfte er auf die Regierung und hatte seine eigenen Verschwörungstheorien zum Nahost- bzw Weltkonflikt. Mein Onkel winkte bei den Erklärungen meines Vaters immer ab mit den Worten „ein Iraner ohne Verschwörungstheorien ist kein Iraner“. Vielleicht hat er Recht. Meine Eltern haben sich früh geschieden, mein Vater ein zweites Mal geheiratet. Ich habe zwei kleine Halbbrüder. Einmal in der Woche war ich bei meinem Vater, wir fuhren meist ziellos mit dem Auto umher, während er über Gott und die Welt philosophierte und ich aus dem Fenster guckte, ab und an zustimmende Geräusche machte und Modern Talking -seine Lieblingsband- ertrug. Erst als ich älter wurde, wurde aus den Lektionen eine Art Dialog, wenn auch mit klar begrenzten hierachischen Strukturen und Redeanteilen. Diese Unterredungen hatten einige wiederkehrende Elemente: 1. Harte Arbeit zahlt sich aus. 2. Respektiere diejenigen, die dir nahestehen. 3. Werde Arzt. Er selbst hatte sich damals fälschlicherweise für das Ingenieursstudium entschieden und wollte seinen Söhnen den eigenen Kummer ersparen.

Wenn ich beim zuhören abzudriften drohte, holte mein Vater sein Ass aus dem Ärmel um meine Aufmerksamkeit zurückzubekommen. Er sprach dann über ‚die Deutschen‘ oder wahlweise ‚die Kartoffeln‘, wenn er seine Wortwahl als Frustventil nutzen wollte. Er erzählte in warnenden Beispielen von eben jenen Eingeborenen, in deren Land er zwar lebte und arbeitete, deren Eigenheiten im Umgang miteinander er aber nie zu hundert Prozent verstand. Ein kleinliches, penibles, kaltes Land habe sich seine Familie zum Exil gemacht.

Vielleicht hätte ich den Wink mit dem Zaunpfahl früher erkennen können. Mein Vater war unglücklich in Deutschland. Aber war das nicht jeder? Beschweren wir uns nicht alle in einem Fort über Politik, Wetter, Menschen in diesem Land? Doch, Natürlich. Und zurecht. Aber das alleine reicht nicht.

Mein Vater war von einem anderen Geist geplagt. Zwar wohnte er in einer deutschen Wohnung, schaute deutsches Fernsehen, fuhr ein deutsches Auto und arbeitete in einer deutschen Firma, aber sein Duktus, sein Hautton sowie die gelegentlich falsche Artikel- oder Fallwahl beim Sprechen verrieten ihn als Andersartigen. Es waren nur Nuancen, vielleicht war die Deutschifizierung meines Vaters bei 95% angekommen, aber der Ladebalken bewegte sich seit Jahren nicht vorwärts. Er verzweifelte an den letzten fünf.

Es kam immer öfter zu Autogesprächen, in denen sich die Inhalte verschoben. Häufiger fragte mein Vater mich jetzt leicht verschachtelt über meinen Entwicklungsstand aus. Er betonte oft mein Alter und die nahende Volljährigkeit und zeigte sich stolz über meine Fortschritte. Ungewöhnlich. Der zweite Wink.

Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag stellte mein Vater mich vor vollendete Tatsachen. Er, seine Frau und meine Brüder würden nach Teheran ziehen. Er würde dort eine Firma gründen und irgendwann, wenn das angehäufte Geld reiche, nach Amerika schielen. In Amerika, sagte er, würden die Menschen sich nicht nach zwei Generationen im Land immer noch selbst als ‚Ausländer‘ bezeichnen. Dort drüben seien alle einfach ‚Amerikaner‘. Und mit etwas Glück, ginge mein Vater vielleicht als Puerto Ricaner durch.

Er ist wenige Monate später umgezogen und wirkt heute befreiter und glücklicher. Und das paradoxerweise an einem Ort, dessen Regime durch Todesstrafen und martialische Justiz Respekt von seinen Bürgern verlangt.
Jedes Mal, wenn ich ihn besuche, bringe ich ihm Salami mit.

NK Istra 1961 – HNK Rijeka

 

Hi!
Ich bin gerne woanders. Und wenn ich woanders bin, gehe ich gerne ins Stadion und gucke Fußball.
An dieser Stelle lade ich in Zukunft in gewohnter Unregelmäßigkeit Fotos und Berichte von diesen Spielen ab. Wie zum Beispiel hier: kroatische erste Liga.

 

 

NK Istra 1961 0:1 HNK Rijeka
1. HNL 14/15

Stadion Aldo Drosina
ca. 4000 Zuschauer

 

 

Am dritten Spieltag in der 1. HNL kam es zum istrischen Lokalderby NK IstraHNK Rijeka. Während die Liga von Dinamo Zagreb dominiert wird (12 Meisterschaften in 12 Jahren) kam es vor 4000 Zuschauern (davon ca. 1000 Gästefans) derbywürdig zu einem -für die osteuropäischen Ligen typischen- extrem körperbetonten Spiel. Kaum eine Minute ging vorbei, in der kein Spieler von lauten Pfiffen begleitet zu Boden ging, nur um wenige Sekunden später dem Gegenspieler mit schmerzverzerrtem Gesicht den Rasen schmackhaft zu machen. Der englisch-inspirierte Schiedsrichter entschloss sich erst in der zweiten Halbzeit von seinen Karten Gebrauch zu machen, verteilte dann gleich sieben mal Gelb innerhalb von dreißig Minuten. Während das Spiel durch einen späten Elfmeter entschieden wurde, fand das Highlight des Spiels auf der Tribüne statt: anlässlich des kroatischen Nationalfeiertages, der einen Tag später gefeiert wurde, starteten die Fangemeinden der beiden Clubs eine gemeinsame Banner-Choreo.

 

 

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Marco von Damghan ist ein hängengebliebener HSV-Fan,
der überraschenderweise auch gerne andere Mannschaften spielen sieht

Worüber reden wir hier eigentlich?

Es gibt anerkannte Wahrheiten, auf denen sich die deutsche Gesellschaft auch im Jahr 2016 stützt. Jeder (volljährige) Bundesbürger sollte wählen dürfen, Bier besteht ausschließlich aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser und für Kuchen haben wir extra kleinere Gabeln. Diese Dinge sind unumstößliche zivilisatorische Errungenschaften und bilden gemeinsam mit anderen Nebensächlichkeiten (Menschenwürde, Gleichberechtigung) das Fundament unseres Rechtsstaats sowie die Grundlage des politischen Diskurses. Eigentlich.

Wie der besorgte Bürger nicht müde wird zu erwähnen, leben wir in einer ‚Wertegesellschaft‘ mit allgemeingültigen Regeln. Auch wenn deren Reichweite und genaue Definition manchmal etwas schwammig sind, so waren wir Deutschen doch seit dem Erlangen unserer staatlichen Souveränität an einer gesellschaftlichen Entwicklung beteiligt, die die heutigen Zustände zum Ergebnis hat. In anderen Worten: wir haben durch einen gepflegten Diskurs auf dem Fundament der o.g. Selbstverständlichkeiten ein Gebäude gebaut.
Welches Gebäude?
„Eine Pyramide!“ sagt der Kommunist,
„Ein Schloss!“ ruft der Patriot,
„Das bahnbrechendste seiner Art!!!!!!!!!!!!“ flüstert Til Schweiger bei Facebook.

Wenn auch die Bewertung des Gebäudes im Auge des Betrachters variiert, so kann man sich doch hierauf einigen: fertiggestellt ist der Bau nicht. Eine gesunde Gesellschaft verändert sich, ist stets im Wandel und die Frage über den als nächstes vorzunehmenden Bauschritt hat soviele Antworten wie Einwohner. Ein Haus – 80 Mio. Architekten. Das Bauwerk ist also nicht vollendet. Nie. Mal gibt es Ärger ums Kinderzimmer, Opa fordert lauthals, für die Benutzung der Flure Geld zu verlangen und vor ein paar Wochen haben ein paar Hamburger erfolglos versucht, den baufälligen Dachboden zum Indoorspielplatz mit Whirlpool umzuschminken. Diese Auseinandersetzungen sind verkraftbar und kommen vor, wenn viele Leute vor dem Bauplan stehen und mitbestimmen.

Aber seit kurzem kommt ein dumpfes Hackgeräusch aus dem Keller.

Während die allgemeine Diskussion seit Monaten ins Unheil abdriftet und populistische Stimmen auch in Umfragewerten lauter werden, haben die Geschehnisse in Köln ein neues Level der Rhetorik eingeführt. Eintrittsverbote für Menschen mit Migrationshintergrund im Schwimmbad, eine offizielle Bekennung zu einer Obergrenze von 200.000 ‚verkraftbaren‘ Flüchtlingen und zuletzt die Forderung nach der Aufhebung des Unschuldsverdachts für straffällige Ausländer. Das Hacken aus dem Keller wird lauter.

In einer Demokratie, die Wert darauf legt, eine solche zu bleiben, sind die Themen, über die plötzlich ernsthaft diskutiert wird, nicht verhandelbar:
Eine Flüchtlingsobergrenze würde konkret bedeuten, dass Artikel 16a des Grundgesetzes ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach ausgesetzt würde. Die verlangte Aussetzung der Unschuldsvermutung bedeutet nicht weniger als das Ende der Gewaltenteilung, einem Grundprinzip jeder Demokratie.
Die Vorschläge der Seehofers und Scheuers verstoßen direkt gegen deutsche Grundrechte und attackieren damit das Fundament, auf das sich unser Bauwerk stützt. Plötzlich geht es um mehr als kleinere ästhetische Umbauarbeiten; hier wird das gesamte Gefüge bedroht. Paradoxerweise sind es genau diese Menschen, die Neuankömmlige am liebsten zu einem Bluteid auf ihre ‚deutschen Werte‚ zwingen würde, wobei sie das Konzept einer virilen, vielschichtigen und meinungspluralen Bevölkerung komplett missachten.

Als Mitglieder der Architektengemeinschaft, die es bis hierher geschafft hat, ist es unsere Aufgabe diesen Menschen die Spitzhacke aus der Hand zu reißen, bevor sie dem Fundament ernsthaften Schaden zufügen können. Denn eigentlich sind wir gesellschaftlich schon viel weiter.

Lauffeuer und Flamme für Hamburg – eine Bitte

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger,

Vor etwas über einer Woche habt Ihr ein Stimmzettel erhalten, der Euch dazu aufruft über eine Austragung der olympischen Spiele in der Hansestadt abzustimmen.
Es geht in dieser Wahl aber um mehr: um das Demokratieverständnis des Hamburger Senats.

Wenn wir der Pro-Seite der Wahl glauben schenken möchten, ist das Olympia-Narrativ denkbar simpel: ‚Hamburg kann nur gewinnen‘ ist der Slogan; auf den Plakaten wird mit ganz normalen Arbeitern, Rentnern sowie mit Menschen mit körperlichen Einschränkungen geworben: Olympia als Volksfest. Endlich eine Chance für unsere angeblich ’schönste Stadt der Welt‘ weltweit den Ruhm einzuheimsen, den sie verdient.
Leider stellen sich hier einige Probleme in den Weg, allen voran die Kosten:
Nach ersten, konservativen Einschätzungen wird die Ausrichtung eine Summe von 11,2 Mrd Euro in Anspruch nehmen. Wie zuverlässig diese Zahl ist, lässt sich in Bezugnahme der ersten Kalkulationen der Elbphilharmonie, des Flughafens BER oder der Sommerspiele in London erahnen.

Das Gegenargument hierfür ist schnell gezückt: schließlich sind die Kosten von Olympia laut seinen Befürwortern letztendlich ein Konjunkturpaket: man investiere quasi in die Wirtschaft.
Es gibt nur ein Problem: das ist gelogen.
Zunächst weisen vermehrt Studien daraufhin, dass die wirtschaftlichen Nutzen von olympischen Spielen meist weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, manchmal ist es sogar schwer, einen direkten Zusammenhang herzustellen. Desweiteren müssen wir uns vor Augen führen, dass es sich hier um eine Investition von über elf Milliarden Euro handelt. Sehen wir die Spiele als eben jene Konjunkturspritze als die sie verkauft wird, stellen sich zwei Kritikpunkte: 1. kann das Geld nicht intelligenter angelegt werden? Und 2. müssen wir nach der erzwungenen Rettung der HSH Nordbank jetzt erneut Steuergelder in den Wirtschafts-/Finanzsektor pumpen? Was wäre alles möglich mit einer Investition von 11 Mrd (in Zahlen: 11.200.000.000€) in Bereichen wie Bildung, Kultur, Flüchtlingshilfe?
Wir können uns nicht in einem Fort darüber beschweren, dass wir an unsere Grenzen gelangen und dann für ein Prestigeprojekt derart verschwenderisch agieren. Das ist so, als würden wir mitleidig unserem hungernden Nachbarn 50 Cent für ein Käsebrötchen verwehren, uns umdrehen und die neue Super Soaker mit Turbonachlader kaufen.
Denn genau das ist Olympia: ein unnützes, überteuertes Spielzeug, mit dem man vor seinen Freunden angeben kann. Und hier beginnt das eigentliche Problem.

Verkauft wird hier nämlich vielmehr ein Gefühl, ein einmaliges Erlebnis, dessen zu verwehren nicht nur miesepetrig sondern schlichtweg unpatriotisch scheint. Und so funktioniert das Demokratieverständnis des Hamburger Senats 2015. Denn anstatt eine neutrale, informierende Rolle einzunehmen, werden präventiv Millionen für Werbekampagnen der Pro-Seite ausgegeben. Es wird in Bussen, Bahnen und sogar an Feuerwehrautos geworben (wobei die Ironie des Slogans ‚Feuer und Flamme für Hamburg‘ an einem Löschfahrzeug zum Himmel schreit.) Die Abstimmung bekommt den faden Beigeschmack, dass die Politik ihre Entscheidung längst getroffen hat, sich nur nochmal das notwendige Kopfnicken von den Bürgern abholt. Es wird eine Stimmung des ‚Sei mit oder sei gegen uns‘ fabriziert, die mit einem demokratischen Diskurs nichts zu tun hat, bewusst Kostenfaktoren unterschlägt, um die Gegenseite zu untergraben und den wahren Charakter von Olympia als reines Prestigeprojekt verschleiert. Nun kann man es dem Scholz-Senat, der sich bisher hauptsächlich durch Kürzungen im Sozialetat sowie dem einrichten verfassungswidriger Gefahrengebiete einen Namen gemacht hat, nicht verübeln, dass er seinen Namen mit einem Sportfest aufpolieren will. Aber diesen Egopush als Volksanliegen zu verkaufen, grenzt an Hohn.

Die Gegenöffentlichkeit ist bisher denkbar gering. Lediglich überregionale Zeitungen und Magazine sowie linke Gruppierungen und Blogs weisen auf die Unsinnigkeit der Pläne (ein 70.000 Zuschauer fassendes Olympiastadion, das danach auf 20.000 zurückgebaut wird?) und die Probleme in den Kostenvoranschlägen hin. Die lokalen Blätter MOPO, Bild HH und Abendblatt fahren täglich Aktionen, die sich für eine Bewerbung aussprechen. Und vielleicht vermag ein Post auf einem Blog, dessen Rekordtag bei 64 Besuchern liegt, nicht viel zu ändern. Aber vielleicht liest auch nur ein einziger Unentschlossener Hamburger mit und erhebt seine Stimme mit mir. Und vielleicht kann man mit einem kleinen Streichholz auch ein Lauffeuer legen.

Liebe Grüße

Marco von Damghan

Offener Brief an alle CSU, AfD, Seehofer & Höcke Sympathisanten

Immer häufiger lese ich in meiner Timeline Kommentare oder geteilte Zeitungsartikel (teils sogar aus seriösen Medien) in denen Ihr Eure Angst kundtut.
Die Flüchtlinge sind zuviel, zu schnell, zu anders. Durch ihre schiere Masse gefährden sie nicht nur unseren Sozialstaat, sie bringen auch unser wohlbehütetes Wertesystem zum wanken und was bleibt uns sonst noch zur Identifizierung? Natürlich lässt sich die kleinste Zahl von Euch zu so drastischen Auftritten wie dem von Herrn Höcke bei Günther Jauch hinreißen, doch in einem seid ihr vereint: in eurer Sorge.

Lasst mich deshalb in den Chor der Klagenden einstimmen und zugeben: auch ich habe Angst.
Vor euch.

Selbstverständlich ist nicht jeder von Euch Nazi und im Diskurs müssen wir aufpassen, dass wir nicht weiter in Beleidigungen auseinanderdriften, sondern die Ängste und Argumente der Gegenseite anhören, ernst nehmen und ausdiskutieren. So machen das funktionierende Gesellschaften und als eine solche rühmen wir uns dieser Tage ja allenthalber.

Natürlich seid Ihr keine Nazis, aber Ihr tragt mit Euren durchgängigen, lamoyanten Unheilsbekundungen zu einer Atmosphäre der Angst bei, die Menschen zu Taten wie dem Attentat auf die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker motivieren.
Ich will Euch nicht den Mund verbieten. Ebenfalls würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Flüchtlingskrise keine Herausforderung darstellt. Doch es ist ein klarer Grad zwischen bloßer Sorge und dem unbewussten Schüren von Angst. Und diesen überschreitet Ihr zu oft.
Unter Verwendung verdrehter Statistiken oder schIicht falscher Fakten sprecht ihr von überschrittenen Kapazitäten, verdammt die Bundeskanzlerin für ihren offene Asyl-Politik und fordert Transitzonen, Sofortabschiebungen und bestenfalls die komplette Schließung der Grenzen. Ihr habt schließlich die Bilder der Flüchtlingsflut gesehen und denkt, dass es an der Zeit ist, sich zu wehren.
Aber gegen eine Flut wehrt man sich nicht, man lernt zu schwimmen.
Und genau das tun bereits abertausende Bürger, die genauso besorgt sind wie Ihr: in Wäschekammern, Deutschkursen, Essensausgaben oder Freizeitgestaltungen für Flüchtlinge. Sie wissen, dass ihre ehrenamtliche Arbeit vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein ist und nehmen in Kauf, dass ihr unbezahltes Engagement von der Politik missbraucht werden kann, damit diese keine Gelder bereitstellen muss. Aber auch sie haben -genau wie Ihr- Angst. Angst davor, sich in einem Land wiederzufinden, mit dessen Werten sie sich nicht mehr identifizieren können. Einem Land, in dem heimat- und besitzlose Menschen als Bedrohung angesehen werden und eine Mauer als Antwort auf ihr Flehen nach Hilfe bekommen.

Die Flüchtlingssituation ist Teil Deutschlands und wird die Medien, die Politik, kurz die gesamte öffentliche Debatte noch lange beherrschen. Und ja, es werden auch Menschen zu uns kommen, die nicht direkt aus Kriegsgebieten geflohen sind. Aber ich lasse lieber 20 Menschen in meine Wohnung, von denen einer keine Hilfe benötigt hätte, als die Tür allen zu verschließen und die Hilfsschreie mit bayrischer Volksmusik zu übertönen.

Nun steht es Euch frei, wie zuvor weiterzuhetzen und Euch fälschlicherweise als Stimme des Volkes zu inszenieren. Lasst mich nur eine letzte Warnung aussprechen: Ihr steht auf der falsche Seite der Geschichte. Und Ebbe ist nicht in Sicht.

Grüße

Marco von Damghan

Auf Reisen II – Sarajevo

1984 fanden in Sarajevo die Olympischen Winterspiele statt.
Für die Spiele, die damals als die „bestorganisierten Spiele aller Zeiten“ beschrieben wurden, baute die Stadt eine Bobbahn in den Berg Trebević.
Vier Jahre später begann der Bosnienkrieg, am 5. April die Belagerung Sarajevos, welche sich in den nächsten 1.425 Tagen zur längsten Belagerung des 20. Jahrhunderts entwickelte. Trebević fiel aufgrund seiner Höhe eine strategische Schlüsselposition zu und wurde zum Kriegsschauplatz.

Heute ist die verfallene Bobbahn der Allgemeinheit zugänglich.

 

 

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Tehran III

Wie sich aus den ersten beiden Teilen meines Tehran-Reports schließen lässt, möchte ich Menschen dazu ermutigen, dieses wunderschöne Land zu besuchen. Es gibt momentan so gut wie keine Touristen, sodass die Reise dorthin noch viel mehr Abenteuer ist, als es in Ländern mit bestehender Touristikstruktur möglich wäre. Außerdem handelt es sich beim Iran um das stabilste Land der Region und bei seinen Einwohnern um das vielleicht gastfreundlichste Volk der Welt, es gibt also keinen Grund zur Sorge. Hier ein kleiner Reisebericht von letztem Jahr.

Ein paar Probleme gibt es natürlich. Das Vegetarierdasein macht recht wenig Spaß, was ich bei meiner letzten Reise direkt beim Hinflug mit Iran Air gemerkt habe:
Als der Essenswagen umging und gefragt wurde, ob man ein traditionelles Gericht mit Huhn oder Hack speisen möchte, habe ich in feinstem Persisch erklärt, dass ich kein Fleisch esse (man gušt nemikhoram.) Der Steward hat sich nochmal vergewissert, ob das stimmt „Sie essen kein Fleisch?“ Woraufhin ich bejahte. Verständnisvoll reichte er mir das Hühnchen.
In Teheran angekommen wurde ich erstmal an den Verkehr erinnert. Unglaublich. Der Begriff ‚dreispurig‘ wird in einer Stadt -die für 500.000 Autos konzipiert ist und momentan über 3.500.000 Wagen am Tag zählt- eher als Richtwert empfunden, sodass sich gerne mal 6 Auto auf einmal durch eine Straße prügeln. Akustisch begleitet wird das ganze von einem sporadischen Hupkonzert. Trotzdem sind die Leute tausendmal entspannter als der deutsche Regelfall. Als uns zum Beispiel auf einer „acht“-spurigen Straße auf einmal in der Mitte der Fahrbahn ein Motorrad entgegenkommt, auf dem drei junge Männer (ohne Helme) sitzen, bin ich der einzige, der sie eines Blickes würdigt.

 
 
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Zufälligerweise bin ich damals rechtzeitig zum zweitgrößten Fest des Landes angekommen. Es ist ein Trauerfest. Anlass der Trauer ist der Tod von Imam Hossein; Wir sind alle wahnsinnig betrübt, dass er von uns gehen musste. Vor über 1300 Jahren. War wohl ein wirklich dufter Typ, wenn die Leute heute noch drüber trauern. Wobei die Art, Trauer auszudrücken definitiv interessant ist: besonders in den ärmeren/gläubigeren Gebieten kommt die ganze Familie zusammen und kocht. Aber nicht nur für sich selbst, sondern für den ganzen Block. Das funktioniert in etwa so:
Die ganze Familie, jung & alt, Mann & Frau wuseln in den Vorhöfen der kleinen Häuser herum und präparieren eine Portion nach der anderen. Es stehen riesige Bottiche herum, in denen getrennt der herrlicher Safran-Reis und die leckeren Soßen gekocht werden. Mit riesigen Kellen wird das Essen geschöpft und dann in Styroporverpackungen an die Leute gebracht. Diese drängeln sich an der Eingangstür und nehmen direkt 5-6 Portionen für die ganze Familie mit.
 
 
 
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In der Luft schwebt dabei der Duft des Essens, der das Warten erträglicher bzw. noch qualvoller macht. Alleine die Familie der Freundin hat an einem Tag über 600 (!) Portionen zubereitet und zwar umsonst. Richtig: das Essen wird verschenkt. Es ist ein absolutes Minusgeschäft, besonders da Lebensmittel im Iran fast teurer als in Deutschland sind, aber was ist schon ein Minusgeschäft, wenn Imam Hossein happy ist. Wie gesagt, der Typ muss außerordentlich knorke gewesen sein.

Junge Männer ‚zelebrieren‘ übrigens anders: sie sind (wie die Frauen) schwarz gekleidet und laufen durch die Straßen. Dabei fährt ein Wagen mit Lautsprechern hinter ihnen her und beschallt sie mit traditioneller Musik. Dazu schlagen sie sich mit einem kleinen Peitschen-Handbesen-Hybrid im Takt entweder auf die Brust oder auf den Rücken. Es lässt sich also in etwa erahnen, wie doof die Schiiten den Tod von Imam Hossein finden. Und wie aufwendig die Partys zu seinen Lebzeiten gewesen sein müssen…
 
 
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