Offener Brief an Prof. Bernd Stegemann

Sehr geehrter Herr Stegemann,

in ihrem Artikel „In den Schützengräben der Verletzlichkeit“ aus der FAZ vom 09.04.21 beziehen Sie Stellung in der momentanen Diskussion um die Vorkommnisse am Düsseldorfer Schauspielhaus, die für viele von uns exemplarisch für den Alltag im deutschsprachigen Sprechtheater stehen. Sie plädieren, lobenswerter Weise, für einen respektvollen Umgang sowie das Überbrücken der Gräben, die sich momentan durch in unsere Diskussionskultur zu ziehen scheinen.

Als ehemaliger Student von Ihnen habe ich Sie immer als einen Menschen wahrgenommen, der diese von Ihnen erwünschten Tugenden selbst auch vorlebt. Deshalb bedauere ich es sehr, dass Sie es in Ihrem Artikel leider nicht schaffen, einen Ton anzuschlagen, der förderlich für die Überbrückung oben genannter Gräben ist. Aber lassen Sie mich Ihren Text von vorne aufrollen:

Zunächst sprechen Sie Herrn Armin Petras von etwaigen Rassismusvorwürfen frei, da Sie in der Vergangenheit einmal mit ihm zusammengearbeitet und diesen als „energiegeladen, menschenfreundlich und politisch engagiert“ erlebt hätten. Es freut mich außerordentlich, dass Ihre Erfahrung so positiv gewesen zu sein scheint, leider ist sie für den vorliegenden Fall aber irrelevant und führt am Thema vorbei. Sie bewegen sich hier nämlich innerhalb einer gefährlichen gut-böse Dichotomie, die die Menschen in lediglich zwei Schubladen aufteilt. Der gedankliche Kurzschluss: Ich habe X immer als lieb wahrgenommen, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass von X grenzüberschreitendes Verhalten ausging. Im Rollentheater mag diese eindimensionale Charakterbeschreibung hilfreich sein, im echten Leben stellen sich die Dinge doch aber komplizierter dar, weil Rassismus, Sexismus und andere –ismen auch von Personen ausgehen können, deren Verhalten wir sonst als völlig unproblematisch oder sogar vorbildlich beschreiben würden. Gerade wir als Deutsche wissen doch, dass es genug Beispiele in unserem eigenen Stammbaum gibt von Menschen, die gleichzeitig schreckliche Gräueltaten mitzuverantworten haben, obwohl wir sie immer als liebe (Groß-)Eltern wahrgenommen haben. Ich halte es daher für einigermaßen anmaßend, einem Individuum diese Vielschichtigkeit mit ein paar einleitenden Worten abzuerkennen.

Dann relativieren Sie die Beschwerde von Herrn Iyamu, auf der Probe vermehrt als ‚Sklave‘ angesprochen worden zu sein, da dies schließlich seine Rolle war und es Usus auf deutschen Probebühnen ist, auch einen Hamletdarsteller mit dem Namen ‚Hamlet‘ zu rufen. Als Regisseur kann ich dieser Beobachtung nur zustimmen. Leider übersehen Sie einen Fakt, den Sie selbst noch kurz vorher benannt haben: Die von Herrn Iyamu dargestellte Figur heißt nicht ‚Sklave‘, sie heißt Toussant Louverture. Mit dem Rufnamen ‚Sklave‘ wird die Figur ähnlich auf ihre Funktion reduziert, wie es häufig passiert, wenn wir geflüchtete Menschen als ‚Flüchtlinge‘ bezeichnen. Gerade Sie, Herr Stegemann, sind sich doch der Macht der Semantik bewusst.

Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass ich es im Rahmen der hier geführten Diskussion für völlig unangebracht von Ihnen halte, anhand eines Bewerbungsvideos die Schauspielleistung Ron Iyamus abwertend zu beurteilen, nur weil dies Ihrem Argument zu helfen scheint. Ich würde mir wünschen, dass Sie beim Streitpunkt der Debatte blieben und die von Ihnen kritisierten Gräben nicht noch unnötig vertiefen. Gleichzeitig finde ich, dass Sie es sich sehr einfach machen, wenn Sie die gesamtgültige Kritik, die gerade von allen Seiten geäußert wird, nur auf den Fall von Ron Iyamu reduzieren. Sie verschweigen dabei die Vielzahl an Berichten, die inzwischen aus dem Düsseldorfer Schauspielhaus gedrungen sind.

Dies bringt mich zum elementarsten Punkt, der mir in Ihrem Artikel aufgefallen ist: Sie verkennen die grundlegende Ungleichheit, die im Kern unserer Gesellschaft existiert und scheinen nicht anzuerkennen, dass Aussagen, die von Personen getätigt werden, auch dann verletzend sein können, wenn der/die Sender*in damit eigentlich gar nicht verletzen wollte. Gerade als Theaterschaffende und Freunde Shakespeares wissen wir doch aber beide, dass Kommunikation nie so reibungslos abläuft, wie sie es eigentlich sollte, insbesondere dann nicht, wenn sich die Sprechsituation in der Ambiguität einer Probebühne vollzieht.

Eben jene Probleme der Kommunikation zeigen sich auch dann, wenn Sie Rassismusvorwürfe als ‚Concept Creep‘ bezeichnen und den gefährlichen Kurzschluss machen, dass es sich bei den Selbstermächtigungsbewegungen innerhalb von marginalisierten Gesellschaftsteilen um die Schaffung einer ‚Opferidentität‘ handelt. Herr Stegemann, das Gegenteil ist der Fall.
Wir sind uns doch darüber einig, dass sich BIPoCs, genau wie Personen aus nichtbürgerlichen oder ‚bildungsfernen‘ Haushalten, im Theater schon rein zahlenmäßig in einer Außenseiterposition befinden. Eine kleine Statistik: Im Jahr 2020 hatten lediglich 8,14% der Ensemblemitglieder der zehn größten deutschen Städte einen sichtbaren Migrationshintergrund. Dies steht im starken Kontrast zu den 26%, die sie an der gesamten (auch nicht-urbanisierten Bevölkerung) ausmachen. Sich einer offensichtlich bereits bestehenden Außenseiterposition bewusst zu werden ist nicht gleichbedeutend damit, sich in eben jene Position zu begeben, im Gegenteil: Es ist der Wunsch, aus der Situation auszubrechen und völlig gleichartig behandelt zu werden.
Ja, wer als Hammer auf die Welt sieht, sieht nur Nägel. Wem aber das Konzept des Nagels fremd ist, der wird ihn wohl auch nie aus dem eigenen Fleisch ziehen und seinen Schmerz weiter stumm ertragen. Ungleichheit anzusprechen und zu kritisieren ist der Grundpfeiler für das von Ihnen gewünschte ‚starke‘ Theater.

Eigentlich verstehe ich Ihre Angst. Sie wollen nicht, dass das Gefährliche, das Mystische und Waghalsige der Theaterprobe und -kunst verloren geht. Ich teile diesen Wunsch und denke, dass ich Ihnen ein wenig von dieser Angst nehmen kann, denn auch hier besteht kein Entweder-Oder zwischen „Safe Space“ und Regietyrannei. Dafür muss man nicht, wie Sie es tun, den Probenraum für unantastbar erklären und damit Übergriffen aller Art Tür und Tor öffnen. Es ist nämlich tatsächlich auch möglich, mutiges, künstlerisch wertvolles Theater zu machen und gleichzeitig sensibel zu sein, wenn Grenzen überschritten wurden und Spieler*innen sich nicht mehr wohl fühlen. Glauben Sie mir, viele meiner Kolleg*innen schaffen diesen Spagat bereits!
Der Trick hierbei ist, dass wir es ernst nehmen, wenn Beteiligte ihren Unmut äußern. Weil wir auf der Probe die Möglichkeit haben, zeitlich begrenzte Utopien zu schaffen und die Empfindungen unseres Gegenübers fernab vom neoliberalen Produktionszwang wirklich zu berücksichtigen. Weil wir Proben unter- oder abbrechen, wenn wir wahrnehmen, dass es ein ernstzunehmendes Problem gibt oder unsere Mitstreiter*innen sich unwohl fühlen. Weil wir eben jene, von Ihnen verschriene Safe Spaces schaffen, in denen man geschützt über Gefühle und Ängste sprechen kann, um dann gemeinsam und gestärkt die Spaces zu verlassen und wieder an die künstlerische Arbeit zu treten. Uns reicht ein lapidares ‚mea culpa‘ nicht aus, das eher darauf zielt, den Status Quo wieder herzustellen, als die eigentliche Ursache des Problems zu lösen. Das ist unser Theaterverständnis und Verständnis von Welt.

Konflikt und Dialog sind keine Gegensätze und ohne den Konflikt wäre das Theater sicher völlig unnütz. Das Großartige am Theater ist doch aber, dass wir Figuren auf der Bühne – aka in einem geschützten Rahmen – dabei beobachten können, wie sie sich durch verschiedenste, brenzlige Situationen manövrieren. Wir schauen darauf, wie andere agieren und warum. Der Volksmund nennt das Einfühlungsvermögen oder Mitgefühl – das Theater ist also am Ende nicht viel mehr als eine riesige Empathieproduktionsmaschine.
Nun steht diese Maschine seit einigen Monaten still, was gerade in Zeiten der Pandemie verheerend sein kann. Dennoch: Nach dreißig Jahren Theatererfahrung würde ich mir in Zukunft von eben jener Empathie ein wenig mehr von Ihnen wünschen.

Bambusoideae

Habe die letzten Jahre damit verbracht, Samen in die Erde vor mir zu pflanzen und die Stellen der Samen beständig zu gießen. Monat für Monat, Tag um Tag dieselbe Prozedur: Habe ein bisschen Erde aufgewühlt, habe manchmal mehr, habe manchmal weniger große Löcher gebuddelt und habe den Samen mal behutsam, habe ihn mal wie im Vorbeigehen in die Kuhle geworfen, aber immer so, dass er nicht weggepustet werden konnte.

Nichts. Längst hätte sich etwas, doch es hat sich nichts. Nichts hat sich mir gezeigt und ich- ich habe weitergepflanzt, weitergepflanzt aber irgendwann die Hoffnung darauf aufgegeben, auch nur das kleinste bisschen grün aus diesem meinem braunschwarzen Boden wachsen zu sehen. Zu tief gebuddelt und gleichzeitig nicht tief genug. Nicht ausreichend Liebe mit reingegeben oder viel zu viel. Irgendwas, soviel ist klar, war wohl grundlegend falsch daran, wie ich es tat.
Also Hinsetzen. Wer nichts tut, tut auch nichts falsch und wenn die Sonne durch die Bäume der Nachbarn strahlt und auf meine Wangen fällt, rolle ich meine Jacke zu einem Kissen zusammen und lege mich schlafen.
Aufgeweckt von einer Krähe, die auf meinen Boden zuhüpfte und vor Aufregung ungeduldig krächzte. Aufgestanden, weggescheucht. Zum Jackenkissen zurück. Träume von Krähen.

Die Bambusoideae ist sich unsicher. Zwei Jahre ist es her, dass sie ihren ersten Gedanken gefasst hat. Das weiß sie, weil sie die Tage darin unterscheiden kann, wann der Boden um sie herum warm und wann kalt wird. Einmal warm einmal kalt ist ein Tag. Die Wärme mag sie lieber, da breitet sie sich ein bisschen aus, streckt die Hände nach links und rechts und festigt sie, um in der Kälte nicht zu frieren. Während der Kälte bewegt sie sich nicht, sie bleibt stocksteif und wartet, bis die Kühle vergeht. Sie hat gelernt, dass sie genau zwei Schritte machen kann und ihr trotzdem nichts passiert. Drei Schritte? Nie versucht, bloß nicht gierig werden. Warum auch. Die Weite hier ist unendlich und weiter nach unten will sie nicht, da wird es kälter, das spürt sie an ihren Zehen. Oben dagegen-
Manchmal zieht die Wärme ihr am Scheitel. Nach oben wächst es sich auch leichter, da ist die Erde weniger fest und es fühlt sich an, als würden ihre Hände die Wärme länger speichern.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass sie ihren ersten Gedanken fasste. Sie erinnert sich nicht mehr, was der Gedanke war, aber sie erinnert sich daran, dass es ihn gab. Wie wenn uns ein Gesicht entfällt, ist ihr der Inhalt des Gedankens entfallen. Seitdem sucht sie ihn. Sucht ihn links, sucht ihn rechts, aber noch immer nichts.
In letzter Zeit ist sie ungeduldig geworden.
Besonders während der Kälte rumort es in ihr, will sie nicht mehr warten. Worauf. Wofür die Vorsicht. Immer früher nimmt sie sich das Abnehmen der Kälte zum Anlass, sich weiter auszubreiten und wenn es ihr wieder am Schopf zieht –das muss sie zugeben– dann hat sie diesem Zug schon das ein oder andere Mal nachgegeben. Nur kurz, nur um zu fühlen, wie es ist.
Schön fühlt es sich an.
Schöner noch, als die Hände sich anfühlen, die der Wärme am nächsten sind. Sie hat in letzter Zeit häufiger nach oben wachsen lassen, wer will es ihr verübeln, schließlich ist sie│

Da packt es sie plötzlich wieder. Wummernd rauschend kommt ein Gefühl über sie, dringt durch die langen Bahnen ihre Glieder, die sich wie ein Netzwerk um sie gelegt haben, zieht sie nach oben – wobei: Sie hat schon lange nicht mehr das Gefühl, gezogen zu werden. Mehr, als würde ihr eine Tür zum Hindurchgehen geöffnet. Als wäre sie eingeladen. Wärmer und wärmer wird es, wird ihr Kopf und plötzlich

Plötzlich kein Wummern mehr. Plötzlich nur noch Wärme, als würde sie den Ursprung der Wärme höchstselbst berühren und diese Energie in jeden entlegenen Winkel ihres Körpers pumpen.

Drei Tage lang saß ich vor dem kleinen bisschen Grün, dass da plötzlich aus meiner Erde ragt. Dachte, es wäre ein abgefallenes Blatt eines der Nachbarbäume. Ließ sich aber nicht wegpusten.

Drei Schleier

Alles, was ich zum Iran weiß, was ich erlebt habe und wie ich an ihn denke, ist hinter drei Schleiern versteckt.

Da ist der Schleier der Flucht, der das Land unserer Herkunft in die Obhut der Anderen gegeben hat. Ist Flucht auch Abkehr von etwas oder jemandem? Verneinen von Verantwortung? Es ist seitdem auf jeden Fall nicht mehr wirklich ‚unser‘ Land, weil es irgendwann so wenig ‚unser‘ war, dass es nötig war, vor denen zu fliehen, die es zu ‚ihrem‘ machten. Unter genau diesem Schleier redet mein Vater mit mir, wenn wir durch Teheran fahren; er erzählt davon, wie die Straßen, wie die Leute vor der islamischen Republik aussahen, ich sehe die leeren Parks, den Smog und die mit den Gesichtern von Märtyrern verziehrten Häuserfassaden und stelle mir vor, dass wenn ich dieser Stadt die Haut abziehen würde, sich darunter das Teheran meines Vaters verbirgt, das nur darauf wartet, dass das wachsame Auge der Ayatollahs kurz wegschaut, um sich plötzlich kräftig zu schütteln und den dicken Film der letzten Jahre abzustreifen.

Seit 40 Jahren warten wir auf diesen Moment. Jede/r IranerIn der Diaspora steht den Repräsentanten unseres Landes mit Hass gegenüber, wie einem gewalttätigen neuen Liebhaber des ehemaligen Partners. Immer wieder gibt es Wellen, in denen der Zusammenbruch des Regimes plötzlich alternativlos scheint, in denen ein neuer Tiefstand erreicht wird, das Brüllen der Proteste unüberhörbar laut ist und wir in unserer Hoffnung anfangen zu träumen vom Potenzial dieses Stücks Erde: Von ausschweifenden Parties auf Teheraner Straßen, von europäischen TouristInnen, die im Norden Skifahren und im Süden am Strand liegen könnten, Mann und Frau nebeneinander. Von der massenhaften Rückkehr der Abermillionen ExiliranerInnen aus allen Ländern der Welt, von der Rückeroberung von dem, was wir vor 40 Jahren verloren.

Doch dann kommen die Videos, laute Schreie, blutverschmierte T-Shirts, weinende Mütter. Mit ihnen der Tod der Hoffnung und die Scham, dass der Wunsch nach einem anderen Iran für mich einen so anderen Stellenwert hat als für ihn, der dort auf der Trage liegt, dessen Familie ihn nun trägt und sich auf die Brust schlägt, weil darauffolgend für mich deutscher Alltag, für sie das Grauen, der Verlust und die Angst.

Der zweite Schleier ist die deutsche Draufsicht auf den Iran. Diese besteht zum einen aus der kolonialchauvinistischen Undifferenziertheit der Georegion gegenüber, wenn ich wieder jemandem erzählen muss, dass Iraner keine Araber sind und zum anderen aus den Bildern der Tagesthemen, in denen Flaggen verbrannt, Todesstrafen ausgesprochen und Israel das Existenzrecht aberkannt, wo im Kopf eine klar binäre Aufteilung passiert: Da schlecht, hier gut. Wie komme ich da dazwischen? Ja, natürlich lebe ich lieber in einer Demokratie, ich finde Demokratie supitoll, aber die Welt funktioniert nicht in Binaritäten, es gibt immer schlechtes im Guten und andersherum und jeder Mensch, der mal eine Woche in Teheran verbracht hat.

Genau das ist es. Die grundsätzliche Verteidigungshaltung, in die ich mich gezwungen fühle, das ist der zweite Schleier. Das permanente ‚eigentlich ist es da aber schon etwas schmutzig/unterentwickelt/problematisch‘, das den Grundtenor vieler Gesprächen mit Biodeutschen ausmacht, verunmöglicht mir jegliche Romantisierung, die es einer Heimat gegenüber doch aber braucht. Ich habe es satt, die Rolle des ‚wo ich herkomme nix gut‘ zu spielen, die vor allem MigrantInnen aus dem globalen Süden zugedacht wird. Es ist dem Menschen zueigen, dass er die ‚eigenen‘, heimischen Dinge irrational hochlobt, ich als HSV-Fan weiß wirklich wovon ich spreche.

Der dritte Schleier ist der Iran in Deutschland. Manchmal passiert es mir, dass ich hier Menschen begegne, die plötzlich meinen Namen besser aussprechen als ich selbst, da ist dann auf einmal Isfahan in Norderstedt. Wer hat gesagt, dass sich Ländergrenzen nur linear und auf Basis ihrer alten Grenzen verschieben dürfen? Was, wenn hier in Deutschland auf einmal Iran wäre? Ich erzähle Ihnen ein Geheimnis: er ist es längst. Versuchen Sie mal, um den 21. März herum in Hamburg oder Frankfurt eine Großraumlocation zu mieten – zwecklos. Wir haben uns diese schon Monate vorher angeeignet und pünktlich zu Frühlingsbeginn werden sie jetzt richtig schön iranisiert, denn es ist Nouruz, persisches Neujahr. Ich gehe ausnahmsweise mal nicht näher auf mein Lieblingsthema ein, wieviel sinnvoller es ist, den Beginn eines neuen Jahres auf Frühlingsanfang zu legen anstatt auf irgendeinen x-beliebigen Wintermonat, aber wie an Weihnachten verbringt man auch an Nouruz mehrere Tage mit der Familie und es gibt Geschenke. Weil die integrierwütigen Iraner natürlich auch Weihnachten feiern (wenn auch mit mordshässlichem Plastikbaum) werden DeutschiranerInnen also zweimal im Jahr beschenkt.

Persische Feste erkennt man als PassantIn an der shishabarähnlichen Parfumwolke, die einem beim Betreten des Wohnblocks in die Arme nimmt, links rechts und nochmal links küsst und in Richtung Tanzfläche zieht. CK one, Cartier, Bvlgari, Tommy Hilfiger – Douglas sollte am Eingang cay anbieten, wir wären für 90% ihres Umsatzes verantworlich. Es wird viel getanzt, ob man will oder nicht, man wird mehr oder weniger von einer Tante dazu genötigt und ist ihr nachher heimlich auch ein klein bisschen dankbar, weil sie einem die eigene Coolness aus dem Weg geräumt hat, wie es nur Tanten und Mütter können.
Spät am Abend kommt Haji Firouz. Ein geblackfaceder Mann in rotem Anzug, der Geschenke verteilt. Theoretisch trägt Haji Firouz kein blackface, sein Gesicht ist vom jahrelangen Rauch und Ruß schwarz geworden -Feuer spielt im Iran seit zoroastrischen Zeiten eine große Rolle- rein praktisch sieht das ganze aber stark nach blackface aus und so sehr es meine Almanfreunde auch probieren, sie schaffen es nicht wirklich, ihre Anspannung zu überspielen. German guilt?

Wenn dann irgendwann die Autos auf dem Hof dieser von außen so abstoßend hässlichen

Eventhäuser wieder angelassen werden, Fensterscheiben runterfahren, sich nochmal für die nächsten Tage verabredet wird während Kinder auf Rückbänken einschlafen, Fensterscheiben hochfahren und sich zu persischer Popmusik beim Fahren durch nächtliche Straßen dieses wohlige Nachpartygefühl einstellt, wer kann dann noch sagen, ob das hier gerade Iran oder Deutschland ist?

Hakenkreuze unter Hemdärmeln

Ich sitze im ICE Hamburg-Berlin weil Flixbus coronabedingt nicht fährt. Der ICE hat eine andere Klientel als Flixbus, die Fahrgäste sind deutlich weißer, es riecht nach trübem Apfelsaft und Mittelstand.

Auf halber Strecke Fahrkartenkontrolle. Sollte man es nicht rechtzeitig auf Klo schaffen, um der Dame mit Kurzhaarfrisur (meistens heißt sie Corinna) zu entkommen, klappt es wie heute manchmal auch, sie solange vollzulabern und über das In-Bahn-Bezahlsystem (Es ist 2020 und die Bahn akzeptiert auch bei Preisen von 74,35€ nur Bargeld) auszufragen, dass sie vor lauter Aufregung vergisst nach der Karte zu fragen und weiterläuft.

Hinter mir wird jemand beim halb-Schwarzfahren erwischt, er hat sich mit einer fremden Bahncard 50 einen ‚Sonderpreis erschlichen‘, wie Corinna nicht müde wird ihm immer wieder zu erklären – Ihre Stimme bebt, es ist deutlich zu spüren, dass Corinna das Wohlergehen der Deutschen Bahn AG ein ganz persönliches Anliegen ist. Begrabt sie in Uniform.

Der Schwarzfahrer ist Immigrant. Ach verdammt, denke ich. Der Arme. Mein Vater hat mir immer eingeredet, dass Kanacken sich doppelt so gut benehmen müssen wie Deutsche, weil wir in den Augen der Deutschen direkt unseren gesamten Kulturkreis in den Dreck ziehen, wenn wir mal bei was erwischt werden. Ich habe ihm geschworen, keine Scheiße zu bauen, worauf er den Kopf schüttelte und lachte: ‚Quatsch! Einfach nicht erwischen lassen.‘

Der Bruder im Zug hat diesen Vortrag vielleicht nie bekommen, sein Deutsch ist auch etwas gebrochen, vielleicht weiß er gar nicht, was genau er falsch gemacht hat. ‚Personengebunden und daher nicht auf Fremde übertragbar‘ ist auch ein ganz schön sperriger Satz, könnte ich nicht auf französisch übersetzen und ich hatte Leistungskurs.

Plötzlich taucht ein Ungetüm von einem Polizisten auf. Er misst locker zwei Meter und muss im Krabbengang seitlich durch den Waggon tippeln, damit sein Schlagstock auf der einen und die Pistole auf der anderen Seite den unschuldigen Mittelschichtsalmans auf den Gangsitzen nicht ins Gesicht klatschen, was ich natürlich extrem gerne sehen würde: Wir spüren ja bei den Corona-Demonstrationen, was passiert, wenn man der weißen Mittelschicht auch nur verbietet, zwei Monate lang mit den Jungs in der Kneipe Fußi zu glotzen.

Ich stelle mir vor, wie die Dienstwaffe eine Mittvierzigerin leicht am Kinn streift und diese daraufhin zuerst schreiend in sich zusammenbricht, um dann mit Feuer in ihren Augen sämtliche Artikel des BGB in das Gesicht des heillos überforderten Polizistenogers zu brettern, bis dieser vor lauter Hilflosigkeit mitten im Waggon anfängt zu heulen, was wiederum einen Sonderalarm im Dezernat auslöst, weshalb Sekunden später ein GSG Sondereinsatzkommando in einem Helikopter über dem ICE erscheint und den Polizisten (da er eine menschliche Regung gezeigt hat) per Kopfschuss aus dem Verkehr zieht. Leider geschieht nichts von alledem, die Pistole bekommt heute keinen Menschenkontakt und ein paar Minuten später wird der Schwarzfahrer abgeführt.

Hinter mir beginnen zwei Männer mittleren Alters in Hemden laut über das gerade Geschehene zu sprechen. Sie sind beide Typ Manager, da wir aber in der zweiten Klasse sitzen, können sie nicht allzu erfolgreich sein, das ist schließlich das höchste Zeichen der Anerkennung von geleisteter Arbeit in der Bundesrepublik: Die Fahrt in der ersten Klasse. Der Privatjet des kleinen Mannes.

Sie fangen laut an, darüber zu reden, dass wir in Deutschland langsam ‚französische Verhältnisse‘ bekämen und dass der Staat diese ganzen ‚Fremdvölker‘ nicht mehr unter Kontrolle hat.

Keiner sagt etwas.

Sie sprechen darüber, dass es für ‚die‘ wohl normal ist und dass ‚die‘ bei sich ja nichtmal ne Bahn hätten.

Niemand spricht auch nur ein einziges Wort.

Sie stimmen sich gegenseitig zu, dass genau das auch der Grund dafür ist, dass ‚überall da in Afrika und Arabien nur Chaos, Sodom und Gomorrha herrscht‘

Ich drehe mich um, schaue den Lauteren der beiden an, räuspere mich und bitte ihn darum, seinen Mund zu halten. Ganz ruhig, immer mit Augenkontakt, sage ich ihm, dass er seine rassistische Scheiße entweder für sich behalten oder seine Frau damit belästigen soll, aber hier drin hat er gefälligst ruhig zu sein. Ich brodle vor Wut, aber wenn ich jetzt ausraste oder ihm zeige, wie sehr mich sein Gelaber aufregt, hat er gewonnen. Er ist etwas baff, nörgelt mir dann irgendwas entgegen, wer ich denn sei und wer mir das Recht gibt blabla. Ich sage ihm ein letztes Mal, dass es jetzt reicht und drehe mich wieder um.

In meinem Kopf rauscht es. Warum sagt hier sonst keiner was? Warum halten hier gerade alle um mich herum schön die Fresse und glotzen in ihre Kindles? Hat sich Rasssismus inzwischen so sehr zu einem Teil der Normalität gemacht, dass sich diese zwei Wichser nicht mal schämen, ihrem geistigen Durchfall in der Öffentlichkeit freien Lauf zu lassen? Und wo zum Teufel ist die Polizei jetzt? Wo sind die Nachrichten in den Familienchats? Die weiße Mehrheitsgesellschaft hat keine Ahnung von Repression, deshalb geht sie auf einmal auf die Barrikaden, nur weil sie im Camp David Laden Mundschutz tragen müssen. Es muss ihr grundlegend an Empathie fehlen, weil die Existenz von Unterdrückung von Minderheiten in Deutschland anscheinend so weit außerhalb ihres Vorstellungsbereichs liegt, dass sie selbst dann ihr Maul nicht aufmachen, wenn exakt diese Repression genau vor ihnen Augen stattfindet, wenige Zentimeter entfernt.
Dass es sich hier um genau dasselbe Gedankengut handelt, dass die AfD zur drittstärksten Kraft gemacht hat und seit 1990 über 200 Menschen in Deutschland das Leben gekostet hat, scheint für viele eine zu große Denkleistung zu sein und ein Rassist ist wohl erst dann wirklich ein Rassist, wenn er mit Hakenkreuz-Tattoo, Deutschlandtrikot und brenndem Molotowcocktail vor’m Flüchtlingsheim erwischt wird und dabei laut die erste Strophe der Nationalhymne singt.

16042017

Nenn‘ mir deine Lieblingsserie und erzähl mir, warum du Mittwoch um 3:46 freiwillig die Entscheidung fällst, noch eine 20-minütige Folge zu gucken, obwohl du genau weißt, dass du wegen ‚des Problems‘ jetzt erst um 5:00 schlafen gehen kannst. Dann versuch erfolglos, mir etwas von der Handlung zu erzählen, ohne mir dabei den Plot-Twist zu vermiesen. Dazu gehört ja eigentlich auch schon das Erwähnen eines Plot-Twistes, weil man dann nur misstrauisch auf den Moment wartet, an dem wieder arglos zugeschaut werden darf. Dann gucke ich die erste Folge, merke, dass da etwas in mir ist, das mit einer Sache in dir übereinstimmt und ich mir diese Serie genauso gierig einverleibe wie du, während ich dich beim Beginn des nächsten Netflixautoplaycountdowns liebevoll zum Teufel jage. Wenn wir uns das nächste Mal sehen, brauchen wir einen separaten Ort, damit die Unwissenden nicht die Reinheit unserer Verbindung in Gefahr bringen. Lass uns über unseren Lieblingsmoment der Serie sprechen und Glück empfinden, dass es derselbe ist. Dann lass uns, jeder für sich selbst, ein bisschen Trauer dabei spüren, dass das eigene Empfinden vielleicht doch weniger individuell von dir als freiem Geist gesteuert, sondern vielmehr durch allgemein-menschliche Rezeptionskanäle geleitet wird, der Mensch unbewusst auf manche Reaktionen konditioniert ist und gar keine persönliche Entscheidungsmacht besitzt. Dir gefällt dieser oder jener Moment nicht, weil du ihn als Person bewertest, sondern weil er für dich in dieser Form vorgefertigt wurde, sodass du körperlich keine andere Wahl als die vom Produzenten erwünschte treffen kannst.
Fall‘ aufgrund dieser Klarheit in eine Mini-Depression mit mir und lass uns dann zusammen zu der Erkenntnis kommen, dass diese Möglichkeit zur Gefühlsmanipulation vielleicht auf einer Art kleinstem gemeinsamen Nenner gründet, der alle Menschen verbindet. Und vielleicht kann genau dieser auch für alles schöne, alles gemeinsame auf der Welt verantwortlich gemacht werden.
Dann lass uns gemeinsam fluchen, dass sky jawohl ’nen Arsch offen hat, uns die neue Staffel House of Card vorzuenthalten.