Bambusoideae

Habe die letzten Jahre damit verbracht, Samen in die Erde vor mir zu pflanzen und die Stellen der Samen beständig zu gießen. Monat für Monat, Tag um Tag dieselbe Prozedur: Habe ein bisschen Erde aufgewühlt, habe manchmal mehr, habe manchmal weniger große Löcher gebuddelt und habe den Samen mal behutsam, habe ihn mal wie im Vorbeigehen in die Kuhle geworfen, aber immer so, dass er nicht weggepustet werden konnte.

Nichts. Längst hätte sich etwas, doch es hat sich nichts. Nichts hat sich mir gezeigt und ich- ich habe weitergepflanzt, weitergepflanzt aber irgendwann die Hoffnung darauf aufgegeben, auch nur das kleinste bisschen grün aus diesem meinem braunschwarzen Boden wachsen zu sehen. Zu tief gebuddelt und gleichzeitig nicht tief genug. Nicht ausreichend Liebe mit reingegeben oder viel zu viel. Irgendwas, soviel ist klar, war wohl grundlegend falsch daran, wie ich es tat.
Also Hinsetzen. Wer nichts tut, tut auch nichts falsch und wenn die Sonne durch die Bäume der Nachbarn strahlt und auf meine Wangen fällt, rolle ich meine Jacke zu einem Kissen zusammen und lege mich schlafen.
Aufgeweckt von einer Krähe, die auf meinen Boden zuhüpfte und vor Aufregung ungeduldig krächzte. Aufgestanden, weggescheucht. Zum Jackenkissen zurück. Träume von Krähen.

Die Bambusoideae ist sich unsicher. Zwei Jahre ist es her, dass sie ihren ersten Gedanken gefasst hat. Das weiß sie, weil sie die Tage darin unterscheiden kann, wann der Boden um sie herum warm und wann kalt wird. Einmal warm einmal kalt ist ein Tag. Die Wärme mag sie lieber, da breitet sie sich ein bisschen aus, streckt die Hände nach links und rechts und festigt sie, um in der Kälte nicht zu frieren. Während der Kälte bewegt sie sich nicht, sie bleibt stocksteif und wartet, bis die Kühle vergeht. Sie hat gelernt, dass sie genau zwei Schritte machen kann und ihr trotzdem nichts passiert. Drei Schritte? Nie versucht, bloß nicht gierig werden. Warum auch. Die Weite hier ist unendlich und weiter nach unten will sie nicht, da wird es kälter, das spürt sie an ihren Zehen. Oben dagegen-
Manchmal zieht die Wärme ihr am Scheitel. Nach oben wächst es sich auch leichter, da ist die Erde weniger fest und es fühlt sich an, als würden ihre Hände die Wärme länger speichern.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass sie ihren ersten Gedanken fasste. Sie erinnert sich nicht mehr, was der Gedanke war, aber sie erinnert sich daran, dass es ihn gab. Wie wenn uns ein Gesicht entfällt, ist ihr der Inhalt des Gedankens entfallen. Seitdem sucht sie ihn. Sucht ihn links, sucht ihn rechts, aber noch immer nichts.
In letzter Zeit ist sie ungeduldig geworden.
Besonders während der Kälte rumort es in ihr, will sie nicht mehr warten. Worauf. Wofür die Vorsicht. Immer früher nimmt sie sich das Abnehmen der Kälte zum Anlass, sich weiter auszubreiten und wenn es ihr wieder am Schopf zieht –das muss sie zugeben– dann hat sie diesem Zug schon das ein oder andere Mal nachgegeben. Nur kurz, nur um zu fühlen, wie es ist.
Schön fühlt es sich an.
Schöner noch, als die Hände sich anfühlen, die der Wärme am nächsten sind. Sie hat in letzter Zeit häufiger nach oben wachsen lassen, wer will es ihr verübeln, schließlich ist sie│

Da packt es sie plötzlich wieder. Wummernd rauschend kommt ein Gefühl über sie, dringt durch die langen Bahnen ihre Glieder, die sich wie ein Netzwerk um sie gelegt haben, zieht sie nach oben – wobei: Sie hat schon lange nicht mehr das Gefühl, gezogen zu werden. Mehr, als würde ihr eine Tür zum Hindurchgehen geöffnet. Als wäre sie eingeladen. Wärmer und wärmer wird es, wird ihr Kopf und plötzlich

Plötzlich kein Wummern mehr. Plötzlich nur noch Wärme, als würde sie den Ursprung der Wärme höchstselbst berühren und diese Energie in jeden entlegenen Winkel ihres Körpers pumpen.

Drei Tage lang saß ich vor dem kleinen bisschen Grün, dass da plötzlich aus meiner Erde ragt. Dachte, es wäre ein abgefallenes Blatt eines der Nachbarbäume. Ließ sich aber nicht wegpusten.

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