Offener Brief an Prof. Bernd Stegemann

Sehr geehrter Herr Stegemann,

in ihrem Artikel „In den Schützengräben der Verletzlichkeit“ aus der FAZ vom 09.04.21 beziehen Sie Stellung in der momentanen Diskussion um die Vorkommnisse am Düsseldorfer Schauspielhaus, die für viele von uns exemplarisch für den Alltag im deutschsprachigen Sprechtheater stehen. Sie plädieren, lobenswerter Weise, für einen respektvollen Umgang sowie das Überbrücken der Gräben, die sich momentan durch in unsere Diskussionskultur zu ziehen scheinen.

Als ehemaliger Student von Ihnen habe ich Sie immer als einen Menschen wahrgenommen, der diese von Ihnen erwünschten Tugenden selbst auch vorlebt. Deshalb bedauere ich es sehr, dass Sie es in Ihrem Artikel leider nicht schaffen, einen Ton anzuschlagen, der förderlich für die Überbrückung oben genannter Gräben ist. Aber lassen Sie mich Ihren Text von vorne aufrollen:

Zunächst sprechen Sie Herrn Armin Petras von etwaigen Rassismusvorwürfen frei, da Sie in der Vergangenheit einmal mit ihm zusammengearbeitet und diesen als „energiegeladen, menschenfreundlich und politisch engagiert“ erlebt hätten. Es freut mich außerordentlich, dass Ihre Erfahrung so positiv gewesen zu sein scheint, leider ist sie für den vorliegenden Fall aber irrelevant und führt am Thema vorbei. Sie bewegen sich hier nämlich innerhalb einer gefährlichen gut-böse Dichotomie, die die Menschen in lediglich zwei Schubladen aufteilt. Der gedankliche Kurzschluss: Ich habe X immer als lieb wahrgenommen, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass von X grenzüberschreitendes Verhalten ausging. Im Rollentheater mag diese eindimensionale Charakterbeschreibung hilfreich sein, im echten Leben stellen sich die Dinge doch aber komplizierter dar, weil Rassismus, Sexismus und andere –ismen auch von Personen ausgehen können, deren Verhalten wir sonst als völlig unproblematisch oder sogar vorbildlich beschreiben würden. Gerade wir als Deutsche wissen doch, dass es genug Beispiele in unserem eigenen Stammbaum gibt von Menschen, die gleichzeitig schreckliche Gräueltaten mitzuverantworten haben, obwohl wir sie immer als liebe (Groß-)Eltern wahrgenommen haben. Ich halte es daher für einigermaßen anmaßend, einem Individuum diese Vielschichtigkeit mit ein paar einleitenden Worten abzuerkennen.

Dann relativieren Sie die Beschwerde von Herrn Iyamu, auf der Probe vermehrt als ‚Sklave‘ angesprochen worden zu sein, da dies schließlich seine Rolle war und es Usus auf deutschen Probebühnen ist, auch einen Hamletdarsteller mit dem Namen ‚Hamlet‘ zu rufen. Als Regisseur kann ich dieser Beobachtung nur zustimmen. Leider übersehen Sie einen Fakt, den Sie selbst noch kurz vorher benannt haben: Die von Herrn Iyamu dargestellte Figur heißt nicht ‚Sklave‘, sie heißt Toussant Louverture. Mit dem Rufnamen ‚Sklave‘ wird die Figur ähnlich auf ihre Funktion reduziert, wie es häufig passiert, wenn wir geflüchtete Menschen als ‚Flüchtlinge‘ bezeichnen. Gerade Sie, Herr Stegemann, sind sich doch der Macht der Semantik bewusst.

Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass ich es im Rahmen der hier geführten Diskussion für völlig unangebracht von Ihnen halte, anhand eines Bewerbungsvideos die Schauspielleistung Ron Iyamus abwertend zu beurteilen, nur weil dies Ihrem Argument zu helfen scheint. Ich würde mir wünschen, dass Sie beim Streitpunkt der Debatte blieben und die von Ihnen kritisierten Gräben nicht noch unnötig vertiefen. Gleichzeitig finde ich, dass Sie es sich sehr einfach machen, wenn Sie die gesamtgültige Kritik, die gerade von allen Seiten geäußert wird, nur auf den Fall von Ron Iyamu reduzieren. Sie verschweigen dabei die Vielzahl an Berichten, die inzwischen aus dem Düsseldorfer Schauspielhaus gedrungen sind.

Dies bringt mich zum elementarsten Punkt, der mir in Ihrem Artikel aufgefallen ist: Sie verkennen die grundlegende Ungleichheit, die im Kern unserer Gesellschaft existiert und scheinen nicht anzuerkennen, dass Aussagen, die von Personen getätigt werden, auch dann verletzend sein können, wenn der/die Sender*in damit eigentlich gar nicht verletzen wollte. Gerade als Theaterschaffende und Freunde Shakespeares wissen wir doch aber beide, dass Kommunikation nie so reibungslos abläuft, wie sie es eigentlich sollte, insbesondere dann nicht, wenn sich die Sprechsituation in der Ambiguität einer Probebühne vollzieht.

Eben jene Probleme der Kommunikation zeigen sich auch dann, wenn Sie Rassismusvorwürfe als ‚Concept Creep‘ bezeichnen und den gefährlichen Kurzschluss machen, dass es sich bei den Selbstermächtigungsbewegungen innerhalb von marginalisierten Gesellschaftsteilen um die Schaffung einer ‚Opferidentität‘ handelt. Herr Stegemann, das Gegenteil ist der Fall.
Wir sind uns doch darüber einig, dass sich BIPoCs, genau wie Personen aus nichtbürgerlichen oder ‚bildungsfernen‘ Haushalten, im Theater schon rein zahlenmäßig in einer Außenseiterposition befinden. Eine kleine Statistik: Im Jahr 2020 hatten lediglich 8,14% der Ensemblemitglieder der zehn größten deutschen Städte einen sichtbaren Migrationshintergrund. Dies steht im starken Kontrast zu den 26%, die sie an der gesamten (auch nicht-urbanisierten Bevölkerung) ausmachen. Sich einer offensichtlich bereits bestehenden Außenseiterposition bewusst zu werden ist nicht gleichbedeutend damit, sich in eben jene Position zu begeben, im Gegenteil: Es ist der Wunsch, aus der Situation auszubrechen und völlig gleichartig behandelt zu werden.
Ja, wer als Hammer auf die Welt sieht, sieht nur Nägel. Wem aber das Konzept des Nagels fremd ist, der wird ihn wohl auch nie aus dem eigenen Fleisch ziehen und seinen Schmerz weiter stumm ertragen. Ungleichheit anzusprechen und zu kritisieren ist der Grundpfeiler für das von Ihnen gewünschte ‚starke‘ Theater.

Eigentlich verstehe ich Ihre Angst. Sie wollen nicht, dass das Gefährliche, das Mystische und Waghalsige der Theaterprobe und -kunst verloren geht. Ich teile diesen Wunsch und denke, dass ich Ihnen ein wenig von dieser Angst nehmen kann, denn auch hier besteht kein Entweder-Oder zwischen „Safe Space“ und Regietyrannei. Dafür muss man nicht, wie Sie es tun, den Probenraum für unantastbar erklären und damit Übergriffen aller Art Tür und Tor öffnen. Es ist nämlich tatsächlich auch möglich, mutiges, künstlerisch wertvolles Theater zu machen und gleichzeitig sensibel zu sein, wenn Grenzen überschritten wurden und Spieler*innen sich nicht mehr wohl fühlen. Glauben Sie mir, viele meiner Kolleg*innen schaffen diesen Spagat bereits!
Der Trick hierbei ist, dass wir es ernst nehmen, wenn Beteiligte ihren Unmut äußern. Weil wir auf der Probe die Möglichkeit haben, zeitlich begrenzte Utopien zu schaffen und die Empfindungen unseres Gegenübers fernab vom neoliberalen Produktionszwang wirklich zu berücksichtigen. Weil wir Proben unter- oder abbrechen, wenn wir wahrnehmen, dass es ein ernstzunehmendes Problem gibt oder unsere Mitstreiter*innen sich unwohl fühlen. Weil wir eben jene, von Ihnen verschriene Safe Spaces schaffen, in denen man geschützt über Gefühle und Ängste sprechen kann, um dann gemeinsam und gestärkt die Spaces zu verlassen und wieder an die künstlerische Arbeit zu treten. Uns reicht ein lapidares ‚mea culpa‘ nicht aus, das eher darauf zielt, den Status Quo wieder herzustellen, als die eigentliche Ursache des Problems zu lösen. Das ist unser Theaterverständnis und Verständnis von Welt.

Konflikt und Dialog sind keine Gegensätze und ohne den Konflikt wäre das Theater sicher völlig unnütz. Das Großartige am Theater ist doch aber, dass wir Figuren auf der Bühne – aka in einem geschützten Rahmen – dabei beobachten können, wie sie sich durch verschiedenste, brenzlige Situationen manövrieren. Wir schauen darauf, wie andere agieren und warum. Der Volksmund nennt das Einfühlungsvermögen oder Mitgefühl – das Theater ist also am Ende nicht viel mehr als eine riesige Empathieproduktionsmaschine.
Nun steht diese Maschine seit einigen Monaten still, was gerade in Zeiten der Pandemie verheerend sein kann. Dennoch: Nach dreißig Jahren Theatererfahrung würde ich mir in Zukunft von eben jener Empathie ein wenig mehr von Ihnen wünschen.

Bambusoideae

Habe die letzten Jahre damit verbracht, Samen in die Erde vor mir zu pflanzen und die Stellen der Samen beständig zu gießen. Monat für Monat, Tag um Tag dieselbe Prozedur: Habe ein bisschen Erde aufgewühlt, habe manchmal mehr, habe manchmal weniger große Löcher gebuddelt und habe den Samen mal behutsam, habe ihn mal wie im Vorbeigehen in die Kuhle geworfen, aber immer so, dass er nicht weggepustet werden konnte.

Nichts. Längst hätte sich etwas, doch es hat sich nichts. Nichts hat sich mir gezeigt und ich- ich habe weitergepflanzt, weitergepflanzt aber irgendwann die Hoffnung darauf aufgegeben, auch nur das kleinste bisschen grün aus diesem meinem braunschwarzen Boden wachsen zu sehen. Zu tief gebuddelt und gleichzeitig nicht tief genug. Nicht ausreichend Liebe mit reingegeben oder viel zu viel. Irgendwas, soviel ist klar, war wohl grundlegend falsch daran, wie ich es tat.
Also Hinsetzen. Wer nichts tut, tut auch nichts falsch und wenn die Sonne durch die Bäume der Nachbarn strahlt und auf meine Wangen fällt, rolle ich meine Jacke zu einem Kissen zusammen und lege mich schlafen.
Aufgeweckt von einer Krähe, die auf meinen Boden zuhüpfte und vor Aufregung ungeduldig krächzte. Aufgestanden, weggescheucht. Zum Jackenkissen zurück. Träume von Krähen.

Die Bambusoideae ist sich unsicher. Zwei Jahre ist es her, dass sie ihren ersten Gedanken gefasst hat. Das weiß sie, weil sie die Tage darin unterscheiden kann, wann der Boden um sie herum warm und wann kalt wird. Einmal warm einmal kalt ist ein Tag. Die Wärme mag sie lieber, da breitet sie sich ein bisschen aus, streckt die Hände nach links und rechts und festigt sie, um in der Kälte nicht zu frieren. Während der Kälte bewegt sie sich nicht, sie bleibt stocksteif und wartet, bis die Kühle vergeht. Sie hat gelernt, dass sie genau zwei Schritte machen kann und ihr trotzdem nichts passiert. Drei Schritte? Nie versucht, bloß nicht gierig werden. Warum auch. Die Weite hier ist unendlich und weiter nach unten will sie nicht, da wird es kälter, das spürt sie an ihren Zehen. Oben dagegen-
Manchmal zieht die Wärme ihr am Scheitel. Nach oben wächst es sich auch leichter, da ist die Erde weniger fest und es fühlt sich an, als würden ihre Hände die Wärme länger speichern.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass sie ihren ersten Gedanken fasste. Sie erinnert sich nicht mehr, was der Gedanke war, aber sie erinnert sich daran, dass es ihn gab. Wie wenn uns ein Gesicht entfällt, ist ihr der Inhalt des Gedankens entfallen. Seitdem sucht sie ihn. Sucht ihn links, sucht ihn rechts, aber noch immer nichts.
In letzter Zeit ist sie ungeduldig geworden.
Besonders während der Kälte rumort es in ihr, will sie nicht mehr warten. Worauf. Wofür die Vorsicht. Immer früher nimmt sie sich das Abnehmen der Kälte zum Anlass, sich weiter auszubreiten und wenn es ihr wieder am Schopf zieht –das muss sie zugeben– dann hat sie diesem Zug schon das ein oder andere Mal nachgegeben. Nur kurz, nur um zu fühlen, wie es ist.
Schön fühlt es sich an.
Schöner noch, als die Hände sich anfühlen, die der Wärme am nächsten sind. Sie hat in letzter Zeit häufiger nach oben wachsen lassen, wer will es ihr verübeln, schließlich ist sie│

Da packt es sie plötzlich wieder. Wummernd rauschend kommt ein Gefühl über sie, dringt durch die langen Bahnen ihre Glieder, die sich wie ein Netzwerk um sie gelegt haben, zieht sie nach oben – wobei: Sie hat schon lange nicht mehr das Gefühl, gezogen zu werden. Mehr, als würde ihr eine Tür zum Hindurchgehen geöffnet. Als wäre sie eingeladen. Wärmer und wärmer wird es, wird ihr Kopf und plötzlich

Plötzlich kein Wummern mehr. Plötzlich nur noch Wärme, als würde sie den Ursprung der Wärme höchstselbst berühren und diese Energie in jeden entlegenen Winkel ihres Körpers pumpen.

Drei Tage lang saß ich vor dem kleinen bisschen Grün, dass da plötzlich aus meiner Erde ragt. Dachte, es wäre ein abgefallenes Blatt eines der Nachbarbäume. Ließ sich aber nicht wegpusten.