Worüber reden wir hier eigentlich?

Es gibt anerkannte Wahrheiten, auf denen sich die deutsche Gesellschaft auch im Jahr 2016 stützt. Jeder (volljährige) Bundesbürger sollte wählen dürfen, Bier besteht ausschließlich aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser und für Kuchen haben wir extra kleinere Gabeln. Diese Dinge sind unumstößliche zivilisatorische Errungenschaften und bilden gemeinsam mit anderen Nebensächlichkeiten (Menschenwürde, Gleichberechtigung) das Fundament unseres Rechtsstaats sowie die Grundlage des politischen Diskurses. Eigentlich.

Wie der besorgte Bürger nicht müde wird zu erwähnen, leben wir in einer ‚Wertegesellschaft‘ mit allgemeingültigen Regeln. Auch wenn deren Reichweite und genaue Definition manchmal etwas schwammig sind, so waren wir Deutschen doch seit dem Erlangen unserer staatlichen Souveränität an einer gesellschaftlichen Entwicklung beteiligt, die die heutigen Zustände zum Ergebnis hat. In anderen Worten: wir haben durch einen gepflegten Diskurs auf dem Fundament der o.g. Selbstverständlichkeiten ein Gebäude gebaut.
Welches Gebäude?
„Eine Pyramide!“ sagt der Kommunist,
„Ein Schloss!“ ruft der Patriot,
„Das bahnbrechendste seiner Art!!!!!!!!!!!!“ flüstert Til Schweiger bei Facebook.

Wenn auch die Bewertung des Gebäudes im Auge des Betrachters variiert, so kann man sich doch hierauf einigen: fertiggestellt ist der Bau nicht. Eine gesunde Gesellschaft verändert sich, ist stets im Wandel und die Frage über den als nächstes vorzunehmenden Bauschritt hat soviele Antworten wie Einwohner. Ein Haus – 80 Mio. Architekten. Das Bauwerk ist also nicht vollendet. Nie. Mal gibt es Ärger ums Kinderzimmer, Opa fordert lauthals, für die Benutzung der Flure Geld zu verlangen und vor ein paar Wochen haben ein paar Hamburger erfolglos versucht, den baufälligen Dachboden zum Indoorspielplatz mit Whirlpool umzuschminken. Diese Auseinandersetzungen sind verkraftbar und kommen vor, wenn viele Leute vor dem Bauplan stehen und mitbestimmen.

Aber seit kurzem kommt ein dumpfes Hackgeräusch aus dem Keller.

Während die allgemeine Diskussion seit Monaten ins Unheil abdriftet und populistische Stimmen auch in Umfragewerten lauter werden, haben die Geschehnisse in Köln ein neues Level der Rhetorik eingeführt. Eintrittsverbote für Menschen mit Migrationshintergrund im Schwimmbad, eine offizielle Bekennung zu einer Obergrenze von 200.000 ‚verkraftbaren‘ Flüchtlingen und zuletzt die Forderung nach der Aufhebung des Unschuldsverdachts für straffällige Ausländer. Das Hacken aus dem Keller wird lauter.

In einer Demokratie, die Wert darauf legt, eine solche zu bleiben, sind die Themen, über die plötzlich ernsthaft diskutiert wird, nicht verhandelbar:
Eine Flüchtlingsobergrenze würde konkret bedeuten, dass Artikel 16a des Grundgesetzes ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach ausgesetzt würde. Die verlangte Aussetzung der Unschuldsvermutung bedeutet nicht weniger als das Ende der Gewaltenteilung, einem Grundprinzip jeder Demokratie.
Die Vorschläge der Seehofers und Scheuers verstoßen direkt gegen deutsche Grundrechte und attackieren damit das Fundament, auf das sich unser Bauwerk stützt. Plötzlich geht es um mehr als kleinere ästhetische Umbauarbeiten; hier wird das gesamte Gefüge bedroht. Paradoxerweise sind es genau diese Menschen, die Neuankömmlige am liebsten zu einem Bluteid auf ihre ‚deutschen Werte‚ zwingen würde, wobei sie das Konzept einer virilen, vielschichtigen und meinungspluralen Bevölkerung komplett missachten.

Als Mitglieder der Architektengemeinschaft, die es bis hierher geschafft hat, ist es unsere Aufgabe diesen Menschen die Spitzhacke aus der Hand zu reißen, bevor sie dem Fundament ernsthaften Schaden zufügen können. Denn eigentlich sind wir gesellschaftlich schon viel weiter.

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