Tehran III

Wie sich aus den ersten beiden Teilen meines Tehran-Reports schließen lässt, möchte ich Menschen dazu ermutigen, dieses wunderschöne Land zu besuchen. Es gibt momentan so gut wie keine Touristen, sodass die Reise dorthin noch viel mehr Abenteuer ist, als es in Ländern mit bestehender Touristikstruktur möglich wäre. Außerdem handelt es sich beim Iran um das stabilste Land der Region und bei seinen Einwohnern um das vielleicht gastfreundlichste Volk der Welt, es gibt also keinen Grund zur Sorge. Hier ein kleiner Reisebericht von letztem Jahr.

Ein paar Probleme gibt es natürlich. Das Vegetarierdasein macht recht wenig Spaß, was ich bei meiner letzten Reise direkt beim Hinflug mit Iran Air gemerkt habe:
Als der Essenswagen umging und gefragt wurde, ob man ein traditionelles Gericht mit Huhn oder Hack speisen möchte, habe ich in feinstem Persisch erklärt, dass ich kein Fleisch esse (man gušt nemikhoram.) Der Steward hat sich nochmal vergewissert, ob das stimmt „Sie essen kein Fleisch?“ Woraufhin ich bejahte. Verständnisvoll reichte er mir das Hühnchen.
In Teheran angekommen wurde ich erstmal an den Verkehr erinnert. Unglaublich. Der Begriff ‚dreispurig‘ wird in einer Stadt -die für 500.000 Autos konzipiert ist und momentan über 3.500.000 Wagen am Tag zählt- eher als Richtwert empfunden, sodass sich gerne mal 6 Auto auf einmal durch eine Straße prügeln. Akustisch begleitet wird das ganze von einem sporadischen Hupkonzert. Trotzdem sind die Leute tausendmal entspannter als der deutsche Regelfall. Als uns zum Beispiel auf einer „acht“-spurigen Straße auf einmal in der Mitte der Fahrbahn ein Motorrad entgegenkommt, auf dem drei junge Männer (ohne Helme) sitzen, bin ich der einzige, der sie eines Blickes würdigt.

 
 
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Zufälligerweise bin ich damals rechtzeitig zum zweitgrößten Fest des Landes angekommen. Es ist ein Trauerfest. Anlass der Trauer ist der Tod von Imam Hossein; Wir sind alle wahnsinnig betrübt, dass er von uns gehen musste. Vor über 1300 Jahren. War wohl ein wirklich dufter Typ, wenn die Leute heute noch drüber trauern. Wobei die Art, Trauer auszudrücken definitiv interessant ist: besonders in den ärmeren/gläubigeren Gebieten kommt die ganze Familie zusammen und kocht. Aber nicht nur für sich selbst, sondern für den ganzen Block. Das funktioniert in etwa so:
Die ganze Familie, jung & alt, Mann & Frau wuseln in den Vorhöfen der kleinen Häuser herum und präparieren eine Portion nach der anderen. Es stehen riesige Bottiche herum, in denen getrennt der herrlicher Safran-Reis und die leckeren Soßen gekocht werden. Mit riesigen Kellen wird das Essen geschöpft und dann in Styroporverpackungen an die Leute gebracht. Diese drängeln sich an der Eingangstür und nehmen direkt 5-6 Portionen für die ganze Familie mit.
 
 
 
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In der Luft schwebt dabei der Duft des Essens, der das Warten erträglicher bzw. noch qualvoller macht. Alleine die Familie der Freundin hat an einem Tag über 600 (!) Portionen zubereitet und zwar umsonst. Richtig: das Essen wird verschenkt. Es ist ein absolutes Minusgeschäft, besonders da Lebensmittel im Iran fast teurer als in Deutschland sind, aber was ist schon ein Minusgeschäft, wenn Imam Hossein happy ist. Wie gesagt, der Typ muss außerordentlich knorke gewesen sein.

Junge Männer ‚zelebrieren‘ übrigens anders: sie sind (wie die Frauen) schwarz gekleidet und laufen durch die Straßen. Dabei fährt ein Wagen mit Lautsprechern hinter ihnen her und beschallt sie mit traditioneller Musik. Dazu schlagen sie sich mit einem kleinen Peitschen-Handbesen-Hybrid im Takt entweder auf die Brust oder auf den Rücken. Es lässt sich also in etwa erahnen, wie doof die Schiiten den Tod von Imam Hossein finden. Und wie aufwendig die Partys zu seinen Lebzeiten gewesen sein müssen…
 
 
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